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Wüstenreisebericht Herbst 2016

von Ingrid Mettert

Das Wetter hat es mit unserer Gruppe richtig gut gemeint: bis am Tag vorher gab es eine große Hitzewelle, die gerade vorüber war, als wir ankamen. In unserer Woche waren die Temperaturen angenehm (maximal 30Grad), kein Sandsturm hat uns verweht, kein Regen hat uns ins Zelt gescheucht. Helle Sternennächte und klare Tage haben die Stille und Weite der Wüste in ihrem schönsten Licht gezeigt. Wieder hat die Sahara uns wie eine Heimat begrüßt, die Gastfreundschaft der Beduinen und die Geduld der Kamele haben täglich zum Wohlgefühl beigetragen.

Ursprünglich hat Khalifa vier Beduinen für uns engagiert, da jedoch einer krank wurde, blieb die ganze Arbeit an Dreien hängen. Schön, dass einige Männer aus unserer Gruppe tatkräftig mit anpackten beim Holzsammeln. Wir erfuhren, dass schon die ersten Beduinen ihre Kamele verkauft haben, weil sie nicht mal das Geld für das tägliche Futter verdienen konnten. Es kommen immer noch sehr wenige Touristen- Gruppen. Rätselhaft! Tunesien zeigt sich uns doch jedes Jahr friedlich und gastfreundlich. Was unsere Medien anrichten mit ihrer Sensations-Berichterstattung! Wir erleben hier Menschen, die ihren muslimischen Glauben unauffällig und einfach leben. Die Stimmen der Ausrufer von den Minaretten heißen uns willkommen, sie sind jedes Mal das Zeichen: jetzt sind wir wieder da. Einige der Wüstenreisenden meiner Gruppen kommen ja schon das zweite, dritte oder vierte Mal mit...

Schön, dass es uns gelingt, unseren Mitreisenden dieses freundliche Gefühl zu vermitteln, das wir jedes Jahr ein, zwei, bis zu dreimal erleben dürfen. Seit 10 Jahren nun schon führe ich ( meistens mit Eva zusammen) Menschen dorthin, die einmal eine wirkliche Stille erleben wollen und es geht weiter! Die nächsten drei Gruppen für 2017 sind bereits geplant.

Der junge Mohammed baut seit über einem Jahr an seinem Haus, nächstes Jahr soll die Hochzeit sein! Abdulla und seine Frau haben inzwischen noch einen kleinen Familienzuwachs bekommen. Wir berichten uns immer, was sich in unserem jeweiligen Zuhause ereignet hat. Ich bin Oma geworden, bald kommt ein zweites Enkelchen. Mohammed , unser Karawanenführer und Koch, erzählt von seiner Familie mit Kindern und Enkeln. So ist es Sitte: man fragt nach der Familie, nach der Ernte, nach den Tieren...

Manche von euch haben ja mit gespendet für Mohammeds drittes Kamel...Ihr erinnert euch, dass eines seiner Kamele gestorben ist und wir alle für ein neues gesammelt haben. Dieses junge Kamel trägt nun auch schon tapfer seine Last, lässt sich recht geduldig beladen, ist aber leider der letzte in der Rangfolge. Einige Kratzer und Bisswunden hat der Arme jetzt abbekommen. Mohammed hat dann Maulkörbe verteilt unter den Streithähnen (. -Kamelen).

Unsere Wanderroute bespreche ich zu Beginn immer mit Kalifa, der wiederum erklärt es Mohammed, unserem Karawanenführer und den Beduinen in Arabisch mit all den Namen, die jeder Ort in der Wüste für sie hat. Für unsere Augen gibt es nicht viel- eher nichts, was auf einen Unterscheid, auf ein Merkmal hinweisen würde. Für unsere Augen ist die Wüste einfach leer, eintönig, weit, erholsam. Für die Augen der Beduinen hat jede noch so kleine Erhebung oder Senke, jedes noch so unauffällige Zeichen in der Landschaft eine deutliche Botschaft: hier ist Umm Tuba, hier ist Sal Ha, hier ist Chega usw... Einmal mussten wir nach einem handy- Anruf einer anderen Karawane die Route wechseln. Es wurde erst mal neu beraten: man setzt sich auf die Erde, bespricht es in Ruhe, erwägt die Alternativen - ich wurde als Gruppenleiterin einbezogen. Der Grund war, dass der Brunnen, an dem auch unsere Kamele trinken sollten und die Wasservorräte aufgefüllt werden sollten, leer war. Ein anderer Brunnen musste also angesteuert werden. Die Länge der Märsche wurde mit mir besprochen, ich muss ja den Beduinen sagen, was wir wollen und was wir können. Mit ihnen Schritt zu halten, ist uns nur kurze Zeit möglich. Dann geben wir in Schweiß gebadet und ermattet auf und verlangen eine Pause... Also wurde die Route neu besprochen, die Wanderabstände und die Rastplätz neu sortiert. Diesmal hat uns also nicht ein Wetter den Wochenverlauf geprägt, sondern ein leergetrunkener Brunnen.

Kalifa hat dieses Jahr weder seinen kleine Markt auf dem Wüstensand angeboten noch seine Datteln verkauft, denn wir hatten am letzten Tag leider eine Teilnehmerin zu versorgen, die eine Unfall hatte. Es war für die ganze Gruppe und für die Beduinen schon aufregend. Doch schließlich--dank handyverbindung!- kam Khalifa mit dem Jeep und einem Arzt, schließlich war die Frau in der Klinik und schließlich und endlich war auch ihr Heimflug liegend in eine deutsche Klinik gewährleistet. Sie ist jetzt Gottseidank auf dem Weg der Heilung. Wie gut, dass es Auslandskrankenversicherungen gibt! Wie gut, dass es einen Wüstenaufklärungsbogen gibt, den alle unterschreiben: Kamelreiten auf eigene Gefahr! Haltet euch bitte immer gut fest! Das ist uns eine Lehre. Den Beduinen auch: sie sagen jetzt immer zweimal: "gut festhalten!"

Inzwischen wissen wir, wie sehr unsere Wüstenreisen uns selber, unseren Herzen und Seelen gut tun- aber den Beduinen tun sie auch sehr gut: sie verdienen nämlich in dieser Zeit etwas Geld dazu. Ansonsten sind sie Selbstversorger: sie haben Ziegenherden und Schafe, sie haben Dattelgärten und Gemüsegärten. Sie sind sehr fleißig, handwerklich in allem bewandert, doch das Geld, das sie ja auch benötigen, können sie eben zusätzlich verdienen, wenn wir kommen. Wir sind glücklich, ihnen etwas von unserem Reichtum abgeben zu können. Sie lassen uns teilhaben an ihrem Reichtum: Stille, Weite, einfaches Leben am Feuer, auf der Erde, unter dem Sternenhimmel. Frisches Fladenbrot in der Glut gebacken, süßen Tee, im Kännchen am Rande der Glut gekocht, abendliche Lieder ihrer Überlieferung, Freundschaft.

Im März gibt es eine große Gruppe mit Dinesh zwei Wochen lang. Zu Ostern wieder eine Frauengruppe und im Herbst 2017 auch wieder eine Wüstenreisewoche. Al hamdullillah (wie wunderbar!)

"A la prochaine"-sagen wir : bis zum nächsten mal. Und immer dazu: "Insh´Allah "--so Gott will.

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