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Wüstenreisebericht Nov.2015

von Ingrid Mettert

In der Vorbereitungsphase für die Gruppe geht es nicht nur um die Frage: " ja wie mach ich denn das mit der "Toilette" ? oder um die Ängste: "Gibt es da Schlangen und Skorpione"?( hinter die Düne gehen / ja, es gibt Schlangen- ganz wenige/ ja , es gibt Skorpione, bei Hitze viele, bei Kälte keine oder ganz wenige- aber immer unter allen Matten oder Gepäckstücken, nie auf irgendetwas gekrabbelt.

Es geht bei den Vorbereitungsgesprächen auch um die Frage: "habe ich Angst vor Überfall? Vor Terroristen? vor Mord und Totschlag"?Unser Vorbereitungstreffen war kurz nach dem Attentat an der tunesischen Küste auf einem Hotelstrand. Und kurz nach dem ein Mann aus dem Auto heraus einfach zwei Menschen erschossen hat in Ansbach, Deutschland.- - - !

So- nun noch mal die Frage...

In der Vorbereitungsphase hat sich auch herausgestellt, daß unsere Fluglinie, die ich bevorzugt hatte all die Jahre, einfach keine Flüge mehr anbietet nach Tunesien. (Da will doch keiner mehr hin..sagt der Mann im Reisebüro.) Die andere Fluglinie hat ihre Flüge mehrfach aberwitzig kompliziert geändert, daß ich schon dachte: na, über diese Umwege will aber nun doch nicht fliegen müssen... Die Gesellschaft hat anscheinend ihre Flieger nicht vollbekommen.

Inzwischen geht´s: Hinflug auf einen anderen Startflughafen verlegt, alles einen Tag später, Rückflug mit einer Zwischenlandung, aber an den gewünschten Heimat- Lande-Flughafen.

Die Reise hat also jetzt schon begonnen. Auch mit der Nachricht, daß unsere Beduinen ihre Kamele fast nicht mehr durchfüttern können, das Geld geht ihnen aus. Sie schicken sie schon auf die großen weiten freien Weiden in der Wüste. Es hat etwas geregnet, die Tiere müssen sich ihr Futter selber suchen.

Wenn die Touristen nicht mehr kommen, wenn die Gruppen absagen, stornieren, zögern, können sich die traditionellen Kamel- Hirten, die ihre jahrtausendealte Kunst betreiben, nicht mehr über Wasser halten mit diesem Handwerk. Sie müssen es aufgeben, weil nichts mehr verdient ist damit--und irgendeinen Job annehmen- wenn sie einen finden, um etwas dazu zu verdienen.

Sie sind ja Bauern, die ihre Felder, Bäume, Gärten haben, ihre Ziegen und Schafe und Hühner. Das reicht schon für ihre Nahrung. Sie sind äußerst findige Handwerker, alles für den Eigenbedarf können sie selbst flicken, basteln, bauen. Aber für alles weitere brauchen sie halt Geld: Haus, Strom, Zahnarzt, Bücher, Kleidung...vielleicht ein Fahrrad, ein Moped...

So hat die Reise hier schon begonnen. Hier, wo gerade die Ströme von Flüchtlingen anbranden wie ein Tsunami. Nicht zurückzuhalten. Nicht zu kontrollieren. Nicht zu steuern. Sie kommt an, diese Welle. Hier, in unserem geordneten, versicherten, kultivierten, gut situierten Land.

Sie bringt alles ziemlich durcheinander. Und wird es weiter durcheinander bringen. Wir werden ganz schön durchgemischt.

Und da wollen wir in die Wüste zu den Beduinen?

Ja!

Sie brauchen auch unser gutes Geld. Sie brauchen auch unsere Unterstützung- genau wie die Flüchtlinge, die hier ankommen.

Die Frage, wer es denn nun nötiger habe? stellt sich nicht. Sie ist unmöglich zu beantworten.

Wir fliegen hin! Wir besuchen sie dort! Wir bekommen ihre wundervolle Gastfreundschaft zu spüren, wir tauchen ein die diese Landschaft, die unseren Ohren und Augen und Herzen und Seelen so gut tun wird.

Ich schicke unsere Listen mit unseren Passnummern hin, wir bekommen von Kalifas Agentur die offizielle  vom Amt abgestempelte Bestätigung unserer Wüstenrundwanderung mit den Namen der Beduinen und den Namen der Wüstengebiete, die wir besuchen werden. Diese Bestätigung  müssen wir vorlegen am Flugschalter.

Alles ist eingefädelt.

Unsere innere Herzensführung hat uns zusammengewürfelt zu dieser Gruppe, zu dieser Reise, die nach außen und nach innen gehen wird. Die nächsten Flüge für die nächste Gruppe nächstes Jahr sind auch schon gebucht. Die Zweifel sind ausgeräumt, die Befürchtungen sind zerflossen, die Sicherheit, hier genau das Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu tun, ist wieder da.

Die Reise kann beginnen!

Ya Fatah! ( möge der Weg offen sein. möge die Reise gesegnet sein )

eure Ingrid Anahita SALIHA ,

die sich schon wieder sehr auf die Sternennächte freut und auf die Bewirtung mit dem köstlichen sandgebackenen Brot am Lagerfeuer. Auf die vertrauten lieben Gesichter unserer Beduinen. Auf die wunderbaren riesenhaften Kameltiere, die unsere Lasten tragen und uns auch noch dazu. Auf die Stille und Weite der Wüste. Auf den Wind, der weht, wo er will- wie der Geist, der weht, wo er will.

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