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neu belebt ins Neue Jahr

von Ingrid Mettert

Retreat zu Silvester

Meine täglichen Gebete um Frieden, um Erlösung, um Rettung der erbarmungswürdigen Frauen, Kinder und Männer hab ich gesendet; meine Verzagtheit wurde dadurch nicht kleiner.

Jetzt, nach meinem Retreat, finde ich die Erklärung: ich hab mich fürchterlich überanstrengt mit etwas, was keiner von mir verlangt hat:mir jeden Morgen alles Elend ins Bewußtsein zu rufen und das OM TARE TUTTARE TURE SOHA 33x oder gar 66x zu rezitieren! Oh Tara, komm zur Hilfe!

Niemand hat das von mir verlangt. Ich lese bei Samuel Lewis, einem Mystiker und Meister des 20. Jahrhunderts, daß dreimal genügt (mehr nicht!!) und daß man dann wieder seinen Alltagsgeschäften oder seinem Vergnügen nachgehen soll! Und daß man sich das Böse nicht vorzustellen braucht!

Wie hab ich mich überfordert! Welche Entlastung! Welche ungeheure Erleichterung! Das war mein Dämon, der mich mit schrecklichen untragbaren Bürden vollgeladen hat- ich selber!!- einer meiner inneren Anteile!- niemand sonst hat das wollen.

Heute, zwei Tage nach meiner Rückkehr aus den Retreat- Tagen, wird mir das in seiner ganze Tragweite erst so richtig bewußt. Gut, daß ich die Zeitung abbestellt habe. Ich erhole mich jetzt erst mal eine ganze Weile von allen Medien, von allen Schreckensmeldungen, von allen Bildern, die tief in mir gewühlt haben, die mich in meine Nächte verfolgt haben. Warum hab ich´s mir nur so schwer gemacht? Warum hab ich mich belastet mit all dem Unerträglichen? Wollte ich mir einen

Heiligenschein erwerben damit?

Mein Energiefeld ist geschwächt worden, meine Kraft ist zermürbt worden, mein Licht ist verdunkelt und benebelt worden. Ich hab die Schönheit des Lebens kaum noch wahrnehmen können. Gott sei Dank bin ich über die Erschöpfung hinweg, hab ich bei einem Seminar meiner spirituellen Familie wieder den Weg nach oben gefunden, neue Kraft geschöpft. Erleichtert hab ich mir die Tränen getrocknet, die ich vor Entkräftung und Enttäuschung geweint hatte und gleich beschlossen, mein eigenes Retreat zum neuen Jahr allein zu machen. Das war Dezember. Jetzt ist Januar.

Gleich am ersten Tag finde ich dieWaldschlucht und tauche ein in die frostige moosige Tiefe. Das Murmeln und Glucksen des Baches begleitet mich. Ich lausche freudig den wechselnden Klängen des Wassers, je nachdem, welche Felsen oder wie viele Steine  sich dem Fließen entgegenstellen. Ich merke mal wieder:

erst durch solche "Hindernisse" entsteht eine Bachmelodie. Erst durch diese Hürden kommt Bewegung und Klang zustande. Wundervoll. Ich bin davon berührt und lasse mich verzaubern.

Schritt für Schritt geht es rasch bergab, der dichte Wald an den steilen Ufern und Hängen tut wohl nach all den Eindrücken der letzten Tage.

Hier kann ich mich auslüften, einfach still alleine vor mich hin wandern, niemand sonst da, der reden möchte, nichts, woran ich jetzt denken möchte. Nur mich einfach durch diesen Wald bewegen.

Da grüßt mich auf einmal doch ein Wesen ganz persönlich: dieses Gesichtchen! Wald- Moos -Baum- Wesen- sei du auch gegrüßt. Mein Wanderlied "Dein Licht ist in allen Formen, deine Liebe in allen Wesen" , das sich in mir die ganze Zeit von selbst singt, grüßt zurück.

"Hallo, da bin ich. Ich will ein paar Tage

einfach da sein, die Natur hier entdecken, mich in ihr baden, sie einatmen, mich von ihr umhüllen und stärken lassen. Ist das ok?" Ein Lächeln kommt zurück, ganz freundlich. Neugierig.

Die grün leuchtenden dicht bemoosten Äste und Stämme, die Zweige behängt mit Pflänzchen dieser feuchten Luft hier unten verzaubern mich. Ich schaue mehr nach oben als auf meinen Weg. Bizarre Formen erheben sich im dichten dunklen Samtgrün vor dem umgebenden Wald. Eine uralte Stimmung liegt in diesem Tal. Kein Gebäude, keine Straße, nur dieser Weg durch das tief eingeschnittene Tal. Rechts und links ebenso tief eigeschnittene Seitentälchen. Kaum, daß mal die Sonne hier herunter scheint.

Der Tag ist neblig, es ist frostig hier unten. Ich wickle mich in meine Wolltücher ein und bin froh um die Handschuhe. Die frische Luft tut meiner Lunge gut. Reinigend. Ich denke an mein Morgengebet: "Durch die Strahlen der Sonne, durch die Wellen der Luft, durch das allesdurchdringende Leben im Raum: reinige und belebe mich neu..." Ja, ich lasse mich reinigen und neu beleben. Dieser uralte bärtige Ast behütet den Weg am Bach.

Als spräche er : "...wollet in mir erkennen getreuer Hoffnung stilles Bild..."--ein Fetzen des Weihnachtsliedes kommt daher.

Weihnachten bei meinen Kindern und bei lieben alten Freundinnen. Wechselnde Persönlichkeiten, wechselnde Wohnungen und Energiefelder, wechselnde Gespräche- alle in ihrer Eigenart. Wechselbäder. Von einem ins andere getaucht. Gebadet in ganz verschiedenen Gesprächsthemen, alle vertraut, alle freundlich, inspiriert, erfreulich.

Nun tut mir dieser alte Baum gut: stummer Zeuge ohne Worte, ohne Urteil, ohne Bemerkungen, ohne Vorschläge. Gut.  Da kann ich  lernen. Vom dicken Stamm, vom zarten Geäst. Wundervoll, all diese Formen.  Die Bewegung tut gut. Bergab, bergab, immer weiter dem Bachlauf entlang. Der Ort, an dem ich meine kleine Retreat- Ferienwohnung genommen habe, rückt immer höher weg. Irgendwann wird´s wohl dann wieder hoch gehen müssen...

..und das tut es! gut durchgewärmt komme ich in meinem Räumchen an, bringe mir einen Schmuck mit, der mich durch die Balkontür herein grüßt. Den Abend verbringe ich mit meinen Mantren, mit den Texten, die ich lesen will, mit Meditationen... Als Verpflegung gibt es Äpfel, Nüsse und Trockenfrüchte.  Alles passt. Alles tut mir richtig gut. Als erholte ich mich im Einfachen von all dem Festlichen Reichen.

Am nächsten Tag gehe ich auch wieder diesen Weg, und dann noch ein Stück weiter- bis zu dem kleinen See. Auf einmal ist alles hell, weit, offen. Meine innere Verfassung will, wie die Wasseroberfläche, ein Spiegel sein, ein stiller ruhiger Spiegel. Kein aufgewühltes Wasser. Kein wellenschlagendes Drama. Ruhig. Tief. So ersehne ich meine Gemütsverfassung. Die Texte und Mantren, die Atemübungen und Gebets- Bewegungen unterstützen mich gut. Meine Stirn abzulegen auf der Erde ist wohltuend, entlastend, heilsam. Welche Erleichterung!

Ich finde ein trockenes gemütliches Plätzchen sogar in der Sonne- heute lasse ich mich lange nieder und schaue den drei Enten zu, die ihre Bahnen von einem Ufer zum anderen ziehen. Glitzernd. Langsam. Später kommen die Wellen auch bei mir an- lange verzögert schwappt das Wasser her.

Langsam, still, ruhig, so tut es gut. So kann es noch eine Weile bleiben. Meine Seele kann baumeln (würde es in einer Zeitschrift heißen--blöd-oder?) Die Füße baumeln lassen. In der Hängematte liegen. Ja, so ein Gefühl muss es sein, als wäre ich noch mal für ein Weilchen ein Kind, das im Wagen geschaukelt und gefahren wird. Es wird. Ich muss nichts machen. Alles ist gut, alles läuft prima, ohne daß ich irgendetwas tun müsste. Ich sitze da in der Sonne, alles funktioniert bestens, ohne mich. Sehr gut. Erholsam. Erleichternd. Entlastend. Befreiend.

Lange betrachte ich das Spiegelbild der Bäume im Wasser...auf einmal gibt die Wolkendecke den Berg frei und ich bin fasziniert vom Berg im Wasser. "Wie oben so unten" fällt mir ein. "Wie innen so außen." In der Balance von innen und außen. Die Ruhe dieses Anblicks, die absolute Zentrierung berühren mich tief. So möchte ich es gern erreichen: still, zentriert, oben wie unten ausgeglichen. "Über der Gürtellinie und unter der Gürtellinie", wie in dem Gedicht eines modernen Sufimeisters, das ich gestern Abend fasziniert gelesen habe. Ich schreibe es hier noch mal ab:

Ich und mein Schatten

Ich spaltete mich in zwei.

Himmel von der Brust aufwärts.

alles unterhalb der Gürtellinie - dunkel und unwert.

Weiß auf Schwarz vierzig Jahre

lang. Dann zeigte sich

ein Schatten. Brüllte, zur Hölle damit!

Entweder werde ich mit einbezogen oder ich zerreiße dich!

( M. Jablonski, Geschenk des Lebens)

Diese Stimmung am See tut mir so gut, daß ich lange sitzen bleibe, das Bild tief in mich aufnehme, einatme, einsauge, mir einpräge. Mich davon erfüllen, besänftigen lasse.

Jetzt, in diesen Retreat- Tagen, wo ich mich nur auf das Eintauchen einzulassen brauche, fällt es mir ja auch eher leicht. Die Herausforderung beginnt dann im wirklichen Leben, in der Beziehung zu einem Menschen, in meiner Arbeit.

Aber: langsam! ich kann es ja mal versuchen, nicht? Ich lese Texte, die ich schon öfter gelesen habe. Dieses Mal, meine ich, hätte ich sie besser verstanden...Wie langsam ich lerne...Ich habe aber auch schon festgestellt, daß ich Texte nach Jahren wieder gelesen habe mit der verblüfften Feststellung, daß ich ja doch schon etwas davon verwirklicht habe (oder wenigstens ein Stück weit gelernt habe).

Eine meiner Übungen und Mantren bearbeitet das Loslassen, die Reinigung, eine Art Ent- Schuldigung im wahrsten Sinne des Wortes.  Keine Schuldgefühle! Ein Gefühl der ursprünglichen ur- natürlichen Reinheit, wie bei einem Kind. Unschuldig.

Die drei Enten, die ihr Revier in diesem Gewässer haben,  sind unschuldige Kreaturen. Sie kennen gar keine Schuld. Wieso auch? Sie sind EINS mit ihrem Element: dem Wasser, der Luft, der Erde, der Sonne. Ein Rest von der Eisdecke spiegelt noch den hellen Himmel, Wald und Berge spiegeln sich, der Nebel verzaubert die Kulissen. Die Reinheit dieser Silhouetten ist kostbar wie Spitze, filigran die Konturen der Baumkronen. Die gespiegelte Klarheit ruht im Auge, zieht ins Herz ein, heilend und besänftigend.

Frieden. Hier spüre ich Frieden: nicht die Abwesenheit von Krieg, Gewalt, Fürchterlichem,  sondern natürlichen unschuldigen ursprünglichen Frieden, der alles durchdringt. Still. Weit. Tief. Machtvoll wie der Sternenhimmel, wie der Kosmos, wie der Wald, der See.

Ich gehe wieder nachhause, bergauf. Die Sonne bricht ab und zu durch die

iehenden Wolken. Jetzt läßt sie den Weg blendend aufleuchten. Strahlend. Überstrahlend. Gleißend hell.  Licht.

Zu Weihnachten habe ich ein Buch über den SINN bekommen, das M. Niemz, ein Quantenphysiker geschrieben hat. Er hat mich verblüfft, er hat mir eingeleuchtet: ich hab´s sofort verstanden!

Raum und Zeit sind extra als Dimension erschaffen worden, um Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen zu können. Wäre da kein Nachher und Vorher, kein Neben und Drüber, gäbe es nichts zu lernen, zu erkennen, zu entdecken. Alles wäre ja EINS, untrennbar vereint. Was gäbe es da zu entdecken? 

Und da wir gleichzeitig Beobachterinnen und Beeinflussende sind, sind wir dadurch Mitschöpferinnen der Welt. (Quantenphysik: der Beobachter beeinflusst das, was er beobachtet, anders geht´s ja auch nicht. Sonst wird nichts beobachtet.)

Licht, schreibt er, ist jenseits von unserer irdischen Raum-Zeit- Dimension. Licht ist ewig, da Licht keine Zeit braucht, um von da nach da zu gelangen. Licht ist. Licht ist da und dort gleichzeitig. Licht ist überall, weiß alles, durchleuchtet alles. Er nennt Licht einen Speicher, der alles speichert. Wissen, Erkenntnis, Erfahrungen. Nichts geht verloren, nichts wird vergessen. Alles ist im Licht gespeichert (Akasha-Chronik sagen manche dazu) Wir senden auch Licht aus (wie der Mond, stelle ich mir vor) Und das belibt: V

verschwindet nicht! Unser Strahlen fließt ein in das ewige Licht!

In allen Traditionen ist Licht göttlich. Die Ahninnen haben es gewusst. Im Innersten der Botschaft aller Heiligen Bücher ist die Sprache vom Licht, vom All- Wissen, der Allmacht, der alles durchdringenden Liebe. Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Hazrat Inayat Khan, ein indischer Sufimeister sagt: Die Natur ist das größte Heilige Buch.

Ich komme in meiner kleinen Ferienwohnung an, ganz durchlüftet und durchlichtet. So ein Tag! Ich beende ihn wieder mit Mantren, Liedern, Übungen und dem Lesen von Texten der Meister, die ich mir für hier mitgenommen habe.  Bei Kerzenlicht und Räucherduft spüre ich meinen Herzensfrieden, dankbar fühle ich dieses Glück, dieses Geschenk.

Dankbar gehe ich heute- wieder hier bei meinem Zuhause auch im Wald spazieren. Mein Wanderlied "Dein Licht ist in allen Formen, deine Liebe in allen Wesen" innerlich singend. Den Erfahrungen meines Neujahrs- Retreats nachspürend. Sie wirken nach, wie die Wellen, die erst einiges später bei mir am Ufer anschwappen, nach dem die Enten dort ihre Bahn  gezogen haben.

Die Meister sagen: Sei Frieden! Samuel Lewis sagt: Frieden ist Macht!  Ghandi sagt: Dufte nach Frieden! Jeder Segen, jeder Gruß wünscht in allen Sprachen: Friede sei mit dir!

Das will ich ! Mögen alle Wesen gesund und glücklich sein ( mit meinem tätigen Engagement, aber ohne daß ich mich dafür fertig machen muss)

Ich grüße Euch, die Ihr das lest,  ins Neue Jahr mit neu belebter Lebensenergie, mit neue belebten Visionen. Friede sei mit euch!

Herzlich :       Ingrid Anahita Saliha

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