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Monatsbrief Januar 2018

von Ingrid Mettert

Der rote Faden

"Al Qarib", eines der Kärtchen aus den vielen Namen Allahs, kam zu mir. Nähe...der Text lässt mich nicht so einfach los, ich sinniere und suche nach mehr Information. Was will es mir sagen? Saadi mailt mir, es gehe um "den Nachbarn, den Nächsten, der dir aus irgendwelchen Gründen zugeführt wird.." Werden wir zusammengeführt? Ich spüre ein Interesse, das so lebendig ist, dass es wichtig sein muss. "Gott ist dir näher als deine Halsschlagader"- finde ich beim googeln...

Das bringt mich zu dem Gebet Hazrat Inayat Khans: "Durch die Strahlen der Sonne, durch die Wellen der Luft, durch das allesdurchdringende Leben im Raum, reinige und belebe uns neu und wir beten: heile unsere Körper, unsere Herzen und unsere Seelen."

Oft und oft gesprochen, allein oder in Gruppen, zuhause oder auf einer Düne in der Wüste, wiederhole ich immer und immer wieder..."das allesdurchdringende Leben im Raum"...und stelle mir vor, wie dieses allesdurchdringende Leben, dieses Licht, diese Intelligenz, dieser "Windhauch" (Ruach) durch mich hindurch weht, jede Zelle durchlichtet, zwischen meinen Organen und Knochen durchwirkt. In allem wirkt.

So verstehe ich Al Qarib- Nähe-

Weiter auf der Suche nach Verstehen stoße ich auf Al Hafiz:..."ruhig und voller Vertrauen die Erinnerung an die Heilige Einheit in deinem inneren Wesen bewahren". Und die Frage stellen: "worum geht es mir in meinem Leben?"   --"eine spirituelle Tradition aufrecht erhalten" ist erwähnt...dieser Weg bittet uns, unsere Aufgabe zu erfüllen, selbst wenn wir es nicht gewohnt sind..."

Weiter finde ich im Buch "das Wilde und das Heilige": Teilhard de Chardin erkannte recht deutlich, dass wir die nächstfolgenden Stufen des Evolutionsprozesses bewusst wollen müssen!"..."Doch ziemlich genau zur selben Zeit erschien es uns zu schwer, diese Verantwortung zu tragen."

Malik: " Konzentriere dich auf das "Ich kann", auf die visionäre Kraft des Kosmos, die durch dich kommt." (Saadis Buch Al Malik)

Bei einem "Medizinspaziergang" springt mir Farbe und Zeichnung eines Steinchens auf dem Weg ins Auge: so klar und deutlich, dass ich diesen Stein mitnehme, dass ich ihn als deutliche Botschaft erkenne und doch nicht sagen könnte, was nun diese Botschaft ist. Ein klarer Ruf- aber wohin?

Zurück im Gruppenraum (ein Wochenendseminar) erzähle ich, was mich bewegt:

"Al Qarib", Nähe zu Gott, Nähe zu Menschen, mein meditativer Weg, eben erst durch zwei Schweigewoche in einem Waldkloster in den Bergen vertieft, weiter eingeübt. Die Frage: "was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?"---all das beschäftigt mich stark. Nicht , dass ich ins Grübeln komme. Nein. Aber ich lasse mich weiter leiten durch Texte, Hinweise, Träume, Begegnungen. Aufmerksam und gespannt. Aber auch entspannt genug, allem Zeit zu lassen.

Im Waldkloster habe ich Sri Aurobindo gelesen, es hat mich tief ergriffen, richtiggehend erregt, aufgestöbert, nicht mehr schlafen lassen...Ich hab mir dieses Buch gleich selber bestellt und lese zum zweiten Mal, was mich fasziniert, was mich berührt.

Sein Yoga entspricht meiner Sufi-Hingabe-Übung. Sich überantworten, sich vertrauensvoll öffnen, dann beiseite treten und diese Macht wirklich und  wahrhaftig wirken lassen und ihr nicht  doch wieder hindernd in den Weg treten.

Es erinnert auch an "dein Wille geschehe.."... Sri Aurobindo: " es handelt sich darum, dass du dein Bewusstsein gewöhnen musst, mit diesen hilfreichen Kräften in Verbindung zu kommen und zu bleiben und du selber  musst dich auch an diese Zielsetzung gewöhnen..."

Bald, in einigen Tagen, wieder ein Seminar zum Thema KOREspondenz, mein Lieblingswort aus Ute Manans "Küstensaum der Zeit".  Meine außergewöhnliche Naturerfahrung meines Rituals, in der ich meine Verwandtschaft, meine Nähe, meine Liebe zu Moosen, Farnen, Pflanzen spüre. Und ich finde es hier bei Sri Aurobindo  wieder: Bewusstwerdung bis auf Zellebene. Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins über das heutige hinaus- und gleichzeitig wieder bis auf Zellebene!

Nicht höher und höher wegfliegen- nein! bis auf Zellebene verwandeln. Alles umfassen- nicht nur "höhere Sphären". Hat das nicht damals auch Marco Pogagnic gesagt: "die Christusenergie kommt aus der Erde"-??

Wie kann dieser Bewusstseins-Entwicklungs-Weg gehen? Diese Transformation?

Da fällt mir die ZEN- Geschichte vom Hirte und seinem Ochsen wieder ein: wie Gedanken (Ochse) sich selbständig machen und frei herum grasen, mal da, mal dort...hin und her ...der Hirte (mein Selbst) muss ihn erst lange suchen im Gelände, bevor er auf ihm reiten kann. Dann muss er ihn dazu bringen, auf dem gewünschten Weg zu bleiben: die Gedanken irren weiter herum wie ein Schwarm Fliegen...Das Selbst (der Hirte) will aber sich vertiefen in einen Weg, sich konzentrieren auf die Meditation. Das Leben auf den Weg bringen, den der Hirte als "seinen Weg" erkannt hat.

Es dauert recht lang, bis der Ochse so gut erzogen ist, dass er brav auf dem Weg bleibt und der Hirte nicht dauernd aufpassen muss, dass er abweicht. (Meditation, Konzentration, aber die Gedanken kommen und gehen)

Schließlich geht die Geschichte so weiter, dass irgendwann der Ochse brav seinen Weg geht und der Hirte auf seiner Flöte spielen kann (sogar umgedreht aufsitzen kann und der Ochse weiß den Weg zuverlässig)

Meine Meditationspraxis ähnelt diesen Zuständen. Manchmal kann ich fast schon Flöte spielen, dann aber- beim nächsten Mal, muss ich wieder schauen, dass der Ochse nicht dauernd den Weg zum Fressen der Grasbüschel verlässt..

Teil 2 dieses Briefes folgt...liebe Grüße an meine Leserinnen, Leser

von Ingrid Anahia

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