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10 Jahre Wüstenreisen

von Ingrid Mettert

Notizen zum Vortrag in Schöntal Okt. 2017

10 Jahre Wüstenreisen in der kath. Erw. Bildung Schöntal

  • Wüstenreisen sind immer schon abenteuerlich gewesen: früher auf Pferd oder Kamel, vielleicht auch mit großen Karawanen der alten Handelswege, in der Hippiezeit mit dem VW-Bus, heute mit dem Jeep oder mit Motorrädern. Beliebt sind ein- oder zwei-Tage- Ausflüge, wo einem ein Märchen aus 1001-Nacht serviert wird.
  • Wovon wir hier reden, sind meditative stille Wüstenwanderungen über eine oder zwei Wochen, geführt und  begleitet von Wüstennomaden, von Beduinen. Stille und Weite geben uns Raum für einige "Einkehrtage", für ein Lauschen auf die leise innere Stimme unserer Herzen.  Das" trockene und öde und weglose Land"..ist das Mittel, um Gott und sich selbst zu erkennen, wenn auch nicht in der Fülle und im Überfluss...hier holt sich der Mensch auch geistliche Demut"...(J.vom Kreuz)              
  • Die Bedingungen unserer Reisen sind elementar: Regen, Sonne, Hitze, Kälte, Wind und Sand bestimmen unser Erleben. Schlafen im Freien und Sitzen auf der Erde am Feuer sind Ur-Erfahrungen, wie sie wohl unsere Menschenahnen auch hatten.
  • Seit 2006 bin ich jedes Jahr in der tunesischen Sahara. Zum ersten mal 2006 mit einem meiner spirituellen Lehrer, seit fast 10 Jahren auch im Frauen- Programm des keb, zusammen mit Eva Brand. Mit wachsenden Teilnehmerinnen-Zahlen. Oft haben wir Wartelisten, bei 18 TN ist unsere Grenze erreicht, was darüber geht, wird uns organisatorisch zu schwierig. Uns: das ist Eva Brand, die mich bei diesen Frauen-Wüstenreisen des keb tatkräftig unterstützt und ich, Ingrid Mettert. Bei unseren Vorbereitungstreffen werden die praktischen Fragen detailliert erläutert und demonstriert: ein "Musternachtlager" und ein "Mustergepäck " stellen wir auf. Ein Wüsten-aufklärungsbogen wird unterschrieben, damit wir wissen: alle haben es gehört, gelesen, verstanden, was da so auf sie zukommen kann: vom Kamelreiten über die Wetter- und Hygienebedingungen bis zu möglichen Skorpion-begegnungen.
  • Wie bin ich zu diesen Wüstenreisen gekommen? Und wieso mache ich sie immer weiter, Jahr um Jahr, manchmal zwei, sogar dreimal im Jahr? Als Meditationsleiterin biete ich schon seit dreißig Jahren Gruppen an. Am liebsten Schweigegruppen. Früher nahm ich über 15 Jahre lang immer in der Karwoche an Exerzitien teil. Das hat mich tief geprägt und mir gezeigt, wie der "Weg nach innen" begangen werden kann. Das hat mich gerufen. Bald war ich so weit, selber Schweigetage zu leiten. Durch weitere Fortbildungen und Ausbildungen prägte ich meinen eigenen Stil, mit Gruppen zu arbeiten und nahm Leib Atem Arbeit nach Dürckheim dazu sowie die internationalen Friedenstänze. Mit einem meiner spirituellen Lehrer, geistlichen Begleiter, machte ich 2006 die erste Wüstenreise mit dem 24-stündigen Alleinsein, mit "Visionssuche". Hier entstand alles.
  • In der Wüste bei Sonnenaufgang Morgengebete zu sprechen, den Horizont ringsum weit ausgedehnt  zu erfahren. Am Abend zum Sonnenuntergang in dieser Stille unter diesem Himmelszelt das Vater-Unser -Gebet  auf aramäisch zu singen und zu tanzen. Darüber den Friedensgruß zu singen für jüdische, christliche und islamische Religion sowie für die uralten Muttertraditionen, die noch früher - und mancherorts bis heute- gefeiert werden. Dies immer wieder anzuleiten, zu erleben, zu vertiefen ist mir eine große Herzensangelegenheit geworden. Keine Teilnehmerin, die nicht tief von all dem berührt ist.
  • Es ist ja schon ein "exotisches" , verlockendes Angebot: Wüste, Schweigen, Kamelkarawane, Wandern mit Beduinen, draußen unterm berühmten Sternenhimmel campieren. Die keb als vertrauenswürdige Anbieterin gewährleistet sozusagen, dass dieses Angebot seriös ist. Im verpflichtenden Vorbereitungstreffen wird auch allen klar, dass es nicht um ein touristisches Unternehmen geht, sondern um eine "Reise nach innen", angeleitet, begleitet, unterstützt durch zwei erfahrene Gruppenleiterinnen.
  • Und schon beim Vorbereitungstreffen wird klar: wir begegnen dort dem Islam. Ein großes Thema, von der Presse mit viel ( m.E. allzu viel ! ) Sensationslust und gieriger Aufmerksamkeit ausgeleuchtet. Mein Anliegen setzt genau hier an diesem Punkt an: " was befürchtet Ihr? was assoziiert Ihr dabei?" Alle denken zuerst an die Auslandsreisewarnung, an die Fernsehbilder von Terror, an die Moscheen mit den knieenden Männern in Reihen.
  • Dass Tunesien inzwischen unter zunehmender Arbeitslosigkeit leidet, unter dem verminderten Fremdenverkehr, wollen wir nicht vergessen. Unsere Kontakte im Süden des Landes, vor allem mit ursprünglichen Beduinen-nomaden- sind schon speziell. Wir schätzen gerade diese Kontakte sehr, da sie uns eine besondere Erfahrung ermöglichen: fast archaische ganz ursprünglich menschliche naturabhängige Lebensweise. Was ich zeigen will ist der ganz normale gastfreundliche liebevolle hingebungsvolle Islam, den ich kennengelernt habe in Tunesien, in Marokko, bei Moslems hier in Deutschland.
  • Was mir am Herzen liegt ist eine Richtigstellung: Nicht sich von der Sensationslust der Medien einnehmen und irritieren, beunruhigen lassen, sondern die Proportionen ins rechte Maß zu rücken: Noch in keinem Jahr, in dem ich in diesen Ländern war, habe ich jemals von irgend-jemandem Feindseligkeit erlebt, sondern nur sanftes freundliches offenes und sehr gastfreundliches Benehmen. Eine Freundin von mir, die doppelt so oft dort ist mit Gruppen, berichtet dasselbe.
  • Ich spüre den Unterschied der Stimmung zwischen den Ländern Tunesien und Deutschland recht gut, wenn ich so oft hin und her reise:hier ein Vibrieren und Flirren und Zittern in der Atmosphäre- eine Art Druck--vervielfacht durch dauernde Wiederholungen, dauerndes Konsumieren, Besprechen---und dort eine ruhige Langsamkeit und Gelassenheit. Natürlich ist unsere Kultur "höher" entwickelt, alles geht schneller, alle sind reicher, besser versorgt-- und auch nervöser, beunruhigter, verspannter, ängstlicher.
  • Dort fällt uns auf, wie entspannt die Menschen sind, wie gelassen sie sich bewegen, wie hilfsbereit sie sind. In der Wüste, mit den Beduinen und ihren Kamelen, wird diese Athmosphäre noch deutlicher: der Blick ruht sich aus, das Ohr ruht sich aus, die Füße gehen über den feinen Sand, der Horizont ist ungestört, weit, ruhig, ohne Aufregungen.
  • Es ist wie eine Reise in archaische Zeiten, wo der Tagesrhythmus von den Tieren, von der Natur, von den Elementen bestimmt wird. Die Beduinen, die uns begleiten und führen und versorgen, hat Kalifa, das Beduinenoberhaupt, so ausgewählt, dass wir es nur mit traditionellen Menschen zu tun haben. ..das heißt: alle sind Viehbauern, Kameltreiber, Familienmenschen mit Selbstversorgung, mit einem Allround- Handwerksgeschick. Und alle sind vertraut mit der uralten mündlichen Gesangs- Überlieferung dieses Volkes. Abends, nach getanem Tagwerk, wird am Feuer erzählt, werden alte Balladen und Geschichten gesungen, werden alte Lieder über ihre Lebensthemen geteilt.
  • Was uns so tief bewegt, ist die Selbstverständlichkeit, die wir erleben. Niemand ziert sich, keiner geniert sich, "falsch machen" gibt es nicht- nur freundliches entspanntes einfaches Miteinander. Ihre Religiosität äußert sich unauffällig: durch ihr häufiges "Insh´Allah", das sie an jeden Satz anfügen, der etwas plant oder ein Vorhaben benennt. Und sie meinen das wirklich.(früher hat man bei uns gesagt: so Gott will)
  • Ihre Religiosität äußert sich durch ihre fünf Gebete, die sie ganz dezent verrichten: vor Sonnenaufgang, am Vormittag, zu Mittag, am Abend und nach Sonnen-untergang. In den Orten ruft der Muezzin vom Minarett zum Gebet- manchmal wunderschön gesungen, manchmal nur eine übersteuerte Lautsprecherstimme.
  • In den Hotels und Cafés laufen meistens Fernsehaufnahmen mit Korangesängen. Da gibt es regelrechte Wettbewerbe, wer die Suren am allerschönsten und gefühlvollsten rezitieren kann. In Paris gibt es eine Hochschule, in der die hohe Kunst des religiösen Gesangs studiert werden kann: so einen Imam singen zu hören kann ein tief bewegendes Erlebnis sein.
  • Gefühle werden gern und deutlich ausgedrückt. Und doch eine gewisse Zurückhaltung -- außer auf dem Bazar in Djerba--- eine angenehme Eigenschaft. Dass Muslime im Grundsatz keinen Alkohol trinken, ist ebenfalls angenehm.Durch die täglichen Waschungen, die vor jeden Gebet vorgeschrieben sind, haben wir es in der Regel auch mit sehr reinlichen Menschen zu tun. Noch etwas sehr angenehmes.
  • 10 Jahre Wüstenreisen im keb Frauenprogramm Schöntal. 10 Jahre Gruppen, die sich vertrauensvoll mit uns auf diesen Weg begeben. 10 Jahre lang Wüstenreisegruppen mit Schweigetagen, von denen alle tief berührt zurückkommen. Die Sahara allein schon ist tief berührend, noch intensiver wird das Erleben durch die meditative kreative Seminargestaltung. Außer den Meditationen und Friedenstänzen undGebeten bekommen die Gruppen nämlich auch noch ein besonderes Extra
  • Eva Brand führt ihre Steinarbeit im Kreis mit uns durch : Hier wird das Weglassen, das Loslassen geübt. Weniger ist Mehr!

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