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Wüstenreisebericht Ostern 2017

von Ingrid Mettert

"Wenn das Selbst, das vor uns stand, gegangen ist, dann können alle anderen Selbste kommen, dann kommt die Erleuchtung. Wenn das individuelle Selbst verschwindet, dann erscheint das spirituelle Selbst. Nur das Trugbild, die Illusion, ist untergegangen, das Selbst ist nicht verschwunden; doch am Anfang steht die Entwerdung Dies ist das ganze Geheimnis der Mystik, das alle Propheten und Mystiker  gelehrt haben". (Hazrat Inayat Khan, Vol.III Sufi Teachings, The Art of Being, S.203-208 Übers. H.P. Baum)

Entwerdung ist wie Entschleunigung: Angelerntes wieder loszuwerden, Eingespieltes wieder abzulegen, Voreingenommenheiten zu erkennen ist hier gefragt. Eingegrabene Muster abzuschleifen kann mühsam sein.

Die Gruppe unserer Karawane hat geschwiegen: 24 Stunden lang. Allein-Sein, in sich hineinhorchen, lauschen, was sich leise aus dem tiefsten Herzen melden mag, nicht abgelenkt sein durch das gewohnte Reden, Erzählen, Plaudern...

Wir sind es nicht gewohnt, zu schweigen, zu lauschen, allein zu sein. Unsere Welt ist erfüllt vom Lärm der Städte, Autobahnen, Radios und Fernseher--und handys, tablets, smart phones---ununterbrochen. Sogar in der Wüste ist Empfang... und dann die Fotoapparate: sie ruhen wenig...

Lauschen. Still werden. Das Reden, Erzählen, Fotografieren, Telefonieren opfern.

Die Tätigkeit opfern. Das Ruhelose und Oberflächliche opfern. Die Gewohnheit opfern, im Denken, Beurteilen, in Konzepten und Mustern sich zu bewegen. Was wird da geopfert? Ist es nicht Ballast, den wir abwerfen könnten? Und dafür das Geschenk der Herzensruhe, der Seelenstille, der inneren Weite zu erhalten?

Das ist viel verlangt: man reist an, ist innerhalb weniger Stunden von quirligen Bahnhöfen und Flughäfen plötzlich in einer anderen Welt. Ungewohnt. Fremd. Körper, Kreislauf, Ohren, Verdauung, Haut, Augen--alles muss sich innerhalb kurzer Zeit  mit völlig anderen Bedingungen zurechtfinden. Von der Komplexität eines Frankfurter Flughafens zur archaischen Lebensweise alter Beduinen unter freiem Himmel, am Feuer, mit der Kamelkarawane...Eine Zeitreise. Ein Quantensprung.

Unsere Übungen, Meditationen und Friedenstänze bereiten uns vor auf all diese Prozesse: sich spüren mitten in den Elementen, sich spüren im Kosmos und im Licht, sich spüren im Atmen und im Gruppenrhythmus des Tanzes: barfuß  im Sand der Sahara auf der Düne mit weitem Horizont- Rundumblick. Mit dem Wenigen völlig zufrieden und glücklich zu sein: das erfahren alle schnell. Das Glück des Einfachen erleben wir intensiv, jeden Tag, jede Nacht. Nach drei Tagen haben alle das Gefühl, wir wären schon mindestens eine Woche da. Nach einer Woche hat die ganze Gruppe ein Gefühl, als wären wir drei Wochen hier gewesen- die Intensität der Erfahrung ist tief. Die Zeit bekommt hier eine andere Qualität: das Ewige, kosmisch- wundervolle wird spürbar. Das große Geheimnis der Schöpfung leuchtet durch. Der Himmel mit Sonne, Sternen, Mond, Sternschnuppen, den wundervollsten Wolkenbildern ist unverstellt weit über uns.

Die Herzen werden weich und offen, Tränen der Rührung fließen, Themen kommen durch, die verdrängt wurden, Einsichten sind möglich, zu denen es sonst kaum Zugang gibt. Türen öffnen sich, Lasten können abgeworfen werden, Loslassen kann geschehen.

In den geleiteten gemeinsamen Austauschrunden kommen wunderbare Erkenntnisse zutage. Doch dann verliert sich diese Konzentration wieder, das Plaudern und Erzählen reißt wieder ein, wie ein altes Wasser, das doch wieder durchsickert. Schade. Aber auch verständlich: immer die Konzentration zu halten geht halt nicht so lang oder noch nicht oder jetzt nicht--oder gar nicht....

"Das Herz wird als Feld betrachtet, das kultiviert wird, ein Feld, das zuerst von allen Wurzeln, Stoppeln  und Steinen gereinigt werden muss, bevor die Saat des göttlichen Ideals ausgebracht werden kann....Den Ackerbode des Herzens zu pflügen, zu öffnen für Betrachtung und Selbstwahrnehmung....kann "bahnbrechend" sein..." Moineddin Carl Jablonski, Kommentar zu Hazrat Inayat Khan in "Illuminationg the Shadow" S.179

und weitere Kommentare:  "wenn jemand  um seines Ideals willen Opfer bringt , kleine oder große, wenn jemand Gewohnheiten aufgibt, die das umfassendere Wirken seines Dharma behindern- dann kommen dem Schüler die Vorteile von Weisheit und Willenskraft gelichermaßen zugute...Hinweise des göttlichen Willens von "der Stimme, die ständig in unserem Innern erklingt" (wie H.I.Khan es nennt.) "

In einer Woche ist das nicht leicht zu erreichen- schon gar nicht, wenn es eine erste Wüsten-Schweige-Erfahrung ist. Aber vielleicht als Vertiefung, als weiterer Übungsweg: langsam sich gewöhnen an dieses Tun, an dieses Lassen-  da kann viel möglich werden.

"Je klarer unser Denken wird, je genauer es in der Lage ist, zu unterscheiden, desto klarer wird der Geist. Die Versenkung, in der sich der Geist klärt, brennt wir ein läuterndes Feuer, in dem wir nachsinnend eine Absicht nach der anderen, einen Hintergedanken nach dem anderen opfern."   SIFAT Heft 1/2017 S.48

Wir machen die Übung, die Johannes vom Kreuz vorschlägt: alles, was wir sehen, denken, uns vorstellen, alles, was wir wissen oder ahnen kommt in die "Schale des Wissens". Taucht ein Bild, ein Gedanke auf- kommt auch der in die Schale des Wissens. Ganz entspannt und locker. Diese Schale ist unten, wie eine umgestülpte Schüssel.

Dann stellen wir uns eine ebensolche Schale- offen nach oben vor, aber sie ist ganz leer. Weit und leer. Offen und empfänglich. Das ist die "Schale des Nicht-Wissens".

Herzensraum offen. Seele still. Empfänglichkeit und Lauschen: weit.

So haben wir das Gewohnte "geopfert" , losgelassen, vorübergehend als unbedeutend abgelegt- um offen sein zu können für etwas Neues, für ein Geschenk, eine Botschaft der leisen inneren Stimme tief in uns.

"Andächtige Hingabe entspricht dem heiligen Plan der Natur" (Bhagavadgita, hrsg von Jack Hawleym München 2002, S.78-81)

Beim Tanzen und Singen der zweiten Zeile des aramäischen Jesusgebets erschaffen wir einen heiligen Raum in uns, erweitern wir unser Herz, damit es das Licht, die Energie, die Intelligenz des Kosmos immer besser aufnehmen kann.

Diese kostbare "Schale des Nichtwissens" bereit zu halten für ein Geschenk: das ist das Opfer oder das Geschenk der meditativen Wüstenreise.

Beim Gestalten der Specksteine erfahren, erfassen, begreifen wir es im Kreis der Gruppe ganz deutlich: etwas opfern (etwas wegnehmen vom Stein) bringt nach und nach die innen ruhende Form  zu Tage. Eindrucksvolle Erkenntnisse leuchten plötzlich auf. Aha-Erlebnisse werden spielerisch erlebt. Ganze innere Prozesse werden angeregt, ausgelöst. Kombiniert mit dem Wüsten-Karawanen-Beduinen-Leben mitten in den Elementen, kombiniert mit den Gebeten, Meditationen und Tänzen können wenige Tage erstaunlich Vieles bewirken.

Die Reise geht weiter. Der Impuls ist gegeben. Berührung ist geschehen. Wandel geschieht. LEBEN.  Ya Shakur.

 

 

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