News, Essays und Wüstenreiseberichte

WüstenreiseberichtHerbst 2012

von Ingrid Mettert

Mich hat mein Büro ganz stürmisch empfangen. Eine Woge von e mails, von Anrufen, Anfragen und Neuaufträgen, neuen Themen ist über mich geschwappt, als ob alle gewartet hätten, bis ich wieder zurück bin. Erst hat mich all das Neue und Lebhafte gefreut- als Selbständige freut frau sich ja über Anfragen...

aber dann war´s auf einen Schlag zu viel- mein Auge hat mir etwas Sorgen gemacht, weil ich Blitze sehe und schwarze Streifen rechts. Entwarnung: die Augenärztin hat sofort gesagt: das war Feuchtigkeitsverlust, der Augapfel ist etwas zusammengefallen- das erzeugt die "Blitze". Das wird schon wieder in zwei drei Wochen...

Dieser Schreck hat mich kurzfristig niedergeworfen-- und seither brauche ich es einfach langsamer. Jetzt merke ich: diese Zeitreise in archaische Sahara- Kamel- Beduinen- Sternenzeiten ist schon ein gewaltiger energetischer Akt.

Mein ganzes Energie- Körper- Seele- System wird gezerrt, geworfen, gedehnt, gepresst...

Und doch!! es lohnt sich! Jedes Mal diese Verwerfungen auf mich zu nehmen, um diese kostbaren wundervollen Erfahrungen immer wieder neu machen zu können. Es lohnt sich für mich all der Kraftaufwand, all der Umstellungsaufwand für diese Erfahrungs- Geschenke.

Dieses Hin und Her, diese "Zeitreise" ist auch ein Bestandteil unserer komplexen Zeit- finde ich-. Wir erleben so viel gleichzeitig, so viel auf einmal, so viel parallel und verflochten.

Einerecht a nstrengende Herausforderung- - und ein wundervolles Eintauchen in eine große Einheit.

Jetzt ruhe ich in wohlig warmem Winterofenzimmer mit Tee, Datteln, Kerzen-...auch mit dem einen oder anderen Gebet oder Lied. Es klingt alles in mir nach...unsere Gesänge in der alten versunkenen Moschee voller Sand, die herzbewegenden Gesänge des Muezzin im Städtchen am letzten Tag, wie ein Echo dann das tausendfache Krähen der Hähne, die Geräusche der Kamele, das leise Sausen des Wüstenwindes in den Ginsterbüschen...die arabischen Beduinenworte...der weiche Wind mit dem leisen sanften Sandwehen...

Mein Ankommen dort hat ja auch seine Zeit gebraucht. Von Stufe zu Stufe komme ich erst schrittweise an in der anderen Welt.

Stufe 1 erlebe ich, als unser Fahrer uns am Flughafen abholt: jetzt weiß ich: alles ist gut organisiert. Wir sind komplett, wir sind hier gelandet, es geht weiter.

Das Essen bei unserer Gastfamilie im Höhlenhaus im Matmatagebirge vermittelt mir ein weiteres Ankommens- Heimkehr- Gefühl- Stufe 2.

Stufe 3 meines Landens findet dann im bekannten kleinen Hotel in Douz statt. Teetrinken auf dem wunderschönen Marktplatz mit seinen Quadraten, mit seinen Riesenbäumen, mit seinen symmetrischen Arkaden und den vier Toren.

Als der Muezzin in der Früh seinen wundervollen Gesang erklingen läßt und die vielen Hähne  antworten, komme ich mit meinem Herzen weiter an- Stufe 4.

Der lustige Hotelangestellte, der uns mit komischen Einlagen das Frühstück serviert- seit Jahren dieselben Sketches- vertieft das Heimkehr- Gefühl weiter- Stufe 5.

Fahrt zum Rand der Sahara, wo uns die Beduinen und die Kamele erwarten- mein Herz hüpft vor Freude! Gehen im Sand, jetzt bin ich da! Stufe 6.

Dann das erste mal Reiten auf dem Kamel, das erste Mal Teetrinken, das erste Beduinenessen am Boden sitzend…Stufe 7.

Als dann die erste Sternennacht mich umfangen hat, bin ich ganz da.- Stufe 8, doch erst, als die Gruppe endlich völlig schweigt, kann meine Seele voll eintauchen in die Weite, in den stillen Raum- jetzt bin ich hier und auch in mir selbst angekommen!

Jahr für Jahr erforschen wir tiefer das Mysterium der Sahara, des Sandmeeres, dieses Geschichtenspeichers, der ganz überraschend seine Schätze nach oben frei gibt oder nach unten vergräbt. In den Teppichmustern der Frauen suchen wir nach Botschaften uralter Kulturen, von denen die Historikerwissenschaftler wenig ahnen.

Ein Teil der uralten Tradition scheint zu sein, daß alle für alle anderen mit sorgen: wer eine kleine Arbeit hat, teilt sie auch noch mit einem, der gar keine hat. So haben alle ein wenig Anteil an den Geschäften- nicht viel, aber es reicht für alle ein wenig. Alle wirken unaufgeregt, gemächlich, viele arbeiten ja zusammen an einer Beschäftigung, die bei uns vielleicht einer allein in Hetze und Druck machen würde.

So verschaffen sie sich gegenseitig die Möglichkeit, ein kleines Geschäftchen zu machen, mit einer kleinen Betätigung mitzuwirken. Das Gewebe ist leicht und locker und es wird für die Schwachen mit gesorgt. Durch diese Maschen soll niemand fallen. Eine gewisse traditionelle Fürsorge untereinander, ein uralter Gemeinsinn scheint noch zu wirken, der bei uns erst wieder neu entdeckt und neu belebt werden muss.

Wieder einmal- mein 10.Mal- hat mich die Sahara gastfreundlich mütterlich umfangen und wieder einmal habe ich mich hierher zurück begeben. Ich werde wieder hingehen. Insh´Allah!

Zurück