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Wüstenreisebericht 2014

von Ingrid Mettert

Wir werden von einem Gewitter empfangen und kuscheln  uns eng aneinander unter unseren Planen, provisorisch über uns ausgebreitet. Mein Mittagsschläfchen mit einem Regenschirm in der Hand, der die Plane hochhält, ist gemütlich.

Der Wind, der aufkommt, kann den nassen Sand nicht aufwirbeln, die Luft ist klar und frisch.

Die Vollmondnächte lassen uns mit ihrer Helligkeit unsere Nachtlager zwischen den Dünen gut finden. Es wird kalt. Einige frieren nachts richtig. Morgens ziehe ich alles an, was ich wärmendes dabei habe und hänge mir noch eine Beduinendecke über alles drüber: bevor die Sonne aufgeht auf der Düne ist es empfindlich eisig. Doch der Himmel ist wunderschön gefärbt, die volle Mondin noch im Westen, die Sonne schickt die ersten Strahlen im Osten: ringsum der weite leere stille Horizont: das Drehen ist überwältigend schön.

Dann die Hitze: wir ermatten mehr und mehr, freuen uns über jede Pause, jeden Schatten, jeden kleinen Lufthauch. Meine Haut beginnt, Blasen zu schlagen, ich kühle sie mit befeuchteten Tüchern, das hilft.

Am letzten Tag der ersten Gruppe fegt ein starker heißer Sandsturm über uns, die Beduinen versuchen mit aller Kraft, uns einen Windschutz zu bauen, gemeinsam schaffen wir es schließlich, nachdem die Plane vom Wind einige Male einfach wieder weggerissen wurde. Wir versammeln uns hinter dieser provisorischen Wand, setzen uns drauf auf die Planenränder  und lehnen uns dagegen: der Wind ist unsere Rückenlehne.

Später, als wir im Städtchen ankommen zum Abschluss der Wüstenwanderung, finden wir den Marktplatz leergefegt vor, alles hat sich in die kühleren Räume zurückgezogen: der Sturm beugt die Palmen und brennt trocken , über 40Grad heiß.

Die zweite Gruppe bekommt einen angenehm gemäßigte Beginn, dafür erhebt sich der Wind in der Schweigezeit, wo jede allein unter ihrer Schattenpalme sein wollte. Nach und nach kehren sie zurück, die Schweigenden, der Wind fegt den Sand in die Luft, die weiten Kleider knattern, der Atem wird  einem genommen, Matten und Kleider fliegen weg. Schließlich sind alle wieder versammelt, die Allein- Zeit wird abgebrochen, wir rücken zusammen im Zelt, das mehrfach abgedichtet und verschnürt wird, um etwas Schutz zu geben. Gemütlich. Abenteurlich. Nachts wird die Mittelstange noch einmal umgeweht, fällt, das Zeltdach sinkt auf die Schlafenden-  die Beduinen eilen zur Hilfe, ich höre aus meiner einigermaßen windgeschützten Dünenmulde, wo ich mein Lager aufgeschlagen habe, den fröhlichen Lärm.

Das ist es: wie auch immer das Wetter ist: wie oft auch immer der Sandwind bläst, es heiß oder kalt ist--immer haben die Beduinen ihre gute Laune, immer wissen sie sofort, was zu tun ist. Im Dunkeln können sie alles finden, mit den Dornen der Palmwedel nähen sie aus Decken Windschutzwände, mit dem Sand beschweren sie Decken oder Planen, mit sandgefüllten Säcken hängen sie ihre Kamele nachts an, wo kein Busch sich bietet, binden sie flatternde Planen fest. Künstler in jeder Lage. Khalifa zeigt uns einmal nachts im Taschenlampenlichtkegel, als der Wind sich dreht plötzlich und alle unsere schön vorbereiteten Nachtlager  wieder falsch sind- wie wir alles umziehen können, um geschützt zu schlafen.

Unsere Wüstenreise wird von der Sahara geplant:  sie bestimmt, welcher Wind uns wohin trägt, sie steuert, wann wir uns zusammenkuscheln, obwohl Einzelzeit vorgesehen war. Sie vertieft unsere Reinigungsmeditationen durch Sandstrahlmassage. Sie erfreut unsere Herzen durch die wundervollsten Farbspiele am Abend- und Morgenhimmel. Sie kühlt oder erhitzt uns, wie es ihr gefällt. Sie knetet und dreht und schleift unsere Ecken und Kanten.

Weit und weich werden wir.

Eine Teilnehmerin schreibt:

"Diese Reise war wie eine Reise in uns selbst, nicht wahr? Als wären wir in unsere Zellen abgetaucht, durch die Zellwand der Anreise, die Zellmembran der Eingewöhnung, die erste Unsicherheit und dann die Freiheit im Zellplasma zu treiben, sich zu bewegen, eigenständige Bewegungen zu tun, zu schwimmen, sehenden Auges vorbei an all den Organellen mit ihren Prozessen, all den wundervollen, schönen, natürlichen Abläufen unseres Körpers und unsere Umwelt, in uns und um uns herum, ... bis hin zum Zellkern mit unserer DNA, dem, was uns ausmacht, was uns bewegt, antreibt.

Ich bin ganz hinein gegangen, habe hingesehen, alles mitgenommen, aufgesogen und bin - Schritt für Schritt und ganz bewusst - in einem Stück hindurch gegangen, habe nichts von mir zurückgelassen, bin ganz da, präsent in meinem Leben, meiner Außenwelt.

Was ich gewonnen habe, ist ein kostbares Stück Reife, das Gefühl der Zugehörigkeit zu euch wundervollen Frauen mit all den Geschichten, Blickpunkten, Wahrheiten, Weisheiten.

Was ich erkannt habe, ist die Natürlichkeit in Allem, was passiert, die Verbindung all der Geheimnisse, Geschehnisse, Geschichten. Wie Ebbe und Flut, Sonnenauf- und -untergang, Tag und Nacht, Ruhe und Sturm, Sonne und Regen, Reichtum und Kargheit, die einander abwechseln und gegenseitig verursachen.

Ich bin so dankbar für diese Zeit, diese Reise, diesen Gang, eure Begleitung, eure Aufnahme und Zuneigung!"

Ohne die Beduinen  mit ihren Kamelen, mit ihrer jahrtausendealten Erfahrung, wäre die Wüste für uns tödlich. Es ist diese Geborgenheit, die sie uns schenken, die unsere Wüstenwanderung zu einem tiefberührenden verändernden Erlebnis macht.

Immer wieder ist das Heimat für mich, eingebettet wie in einen großen Mutterschoß. Genährt von einer Energie, die uns dort umfängt, durchdringt, ernährt, erfrischt, erneuert.

Diese Wüstenwochen sind ein Stück Heimat für mich. Heimatlicher als unsere laute schnelle Autobahnzeit. Ich komme gern zurück, weil ich es ja dort nicht für immer aushalten will- aber immer wieder  auftanken, eintauchen, reinigen und mich neu beleben lassen - das will ich.

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